Aserbaidschan das Land des Feuers
Aserbaidschan hat eine alte und wechselhafte Geschichte. Die genauen Anfänge aserbaidschanischer Staatlichkeit sind umstritten, sie liegen wohl um 340 v. Chr. Zu dieser Zeit setzte Alexander der Große den Statthalter Atropates im Süden des heutigen Aserbaidschans ein. Dieser schuf dann einen selbstständigen Staat, der nach ihm Atropatene benannt wurde. Der heutige Name Aserbaidschan leitet sich von diesem Wort ab.
Nun wenn man über Aserbaidschan spricht, so muß man auch über den Iran sprechen. Im historischen Iran finden sich erste Ansätze föderativer Strukturen. Der Iran war zu geschichtlicher Zeit ein Staatsgebilde, zusammengesetzt aus verschiedenen eigenständigen Selbstverwaltungseinheiten. Das ganze System kommt nach heutigem Verständnis einer Mischform aus Bundesstaat und Staatenbund sehr nahe. Diese Selbstverwaltungseinheiten hatten zB. die überwiegende Hoheit im Bereich der Gesetzgebung, Rechtssprechung und Verwaltung. Sie führten in regelmäßigen Abständen Teile ihres Steueraufkommens an eine Zentralregierung ab…und im Falle eines Krieges stellten sie militärische Einheiten. Nun muß man natürlich wissen, dass sich diese Selbstverwaltungseinheiten wesentlich von Bundesstaaten, wie wir sie hier in Deutschland kennen, unterscheiden. …Denn außer dem höheren Anteil von Autonomie grenzten sie sich untereinander deutlich ab. Sie unterschieden sich meist voneinander durch ihre Ethnizität, ihre Kultur und die Sprache…auch in ihrer religiöser Konfession.
Königsdynastien aus den verschieden Stämmen im Iran stellten die Zentralregierung im historische Iran dar. Seit dem 10. Jahrhundert bis zum Beginn des 20.Jhdts herrschten hauptsächlich türkischsprachig-aserbaidschanische Königsdynastien.
Von 1804 bis 1828 wüteten die iranisch-russischen Kriege. Das Ergebnis dieser Kriege war letztendlich die Aufteilung Aserbaidschans mit den Verträgen von GULISTAN (1813) und TURKMENTSCHAI (1828). Nord-Aserbaidschan, das ca. 1/3 des Gesamtaserbaidschans ausmachte, mit seinen reichen Erdölvorkommen am Kaspischen Meer, wurde von Russland annektiert. Aserbaidschan war von nun an ein geteiltes Land.
Nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches Anfang des 20 Jhdts. bildete sich im besetzten Nord-Aserbaidschan eine starke nationale Befreiungsbewegung.
Am 28.Mai 1918 wurde schließlich unter der Führung von Mohammad Amin Rassulzadeh als Republikspräsident eine nationale demokratisch-parlamentarische Regierung gegründet. Es ist bemerkenswert, dass Aserbaidschan somit die erste parlamentarische Demokratie im gesamten Orient war. Vielleicht mag diese Tatsache einigen europäischen Politikern und Islam-Experten zu denken geben, die behaupten, Länder mit überwiegend islamischer Bevölkerung seien nicht demokratiefähig. Aserbaidschan war nun ein souveräner Staat. Doch dieser demokratische unabhängige Staat war den wiedererstarkenden Sowjets ein gewaltiger Dorn im Auge. Schließlich war das ursprünglich annektierte Nordaserbaidschan der Haupterdöllieferant Russlands . Am 27. April 1920 marschierte die Rote Armee in der Hauptstadt Baku ein und stürzte die aserbaidschanische Regierung. Die neu eingesetzte Sowjetregierung gliederte das Land der Sowjetunion an. Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler, Politiker, die die neue Sowjetherrschaft ablehnten, wurden verhaftet, hingerichtet, nach Sibirien in die Arbeitslager verbannt oder sie verschwanden einfach spurlos. Es begann die 70-jährige kommunistische Herrschaft der Moskauer Zentralregierung. Aserbaidschan galt den Sowjets fast ausschließlich als Rohstofflager. Erdöl wurde ohne Rücksicht auf eventuelle katastrophale Folgen für das kaspische Meer und die Umgebung gefördert.
Als das Sowjetreich im Jahr 1990 sich im Prozeß der Auflösung befand, erhob sich die national-liberale aserbaidschanische Unabhängigkeitsbewegung zum offenen Protest gegen die Fremdherrschaft. Als Antwort auf Demonstrationen und Großkundgebungen in der Hauptstadt Baku schickte der Kreml am 19. Januar 1990 Spezialeinheiten der Roten Armee, die ein Exempel für sämtliche nach Unabhängigkeit strebenden Kaukasusvölkern und Baltische Staaten statuieren sollten. In der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1990 richtete die Rote Armee in Baku ein Blutbad unter der aserbaidschanischen Bevölkerung an. Es starben weit über 80 Menschen an diesem Tag. Über 800 wurden z.T. schwer verletzt, und Hunderte sind seitdem spurlos verschwunden.
Nachdem schließlich das kommunistische Regime der Sowjetunion zusammenbrach, erlangte Aserbaidschan 1991 als Präsidialdemokratie seine Unabhängigkeit, 1992 erfolgte dann der Beitritt zur UNO.
Die Folgen des russischen-sowjetischen Kolonialismus wirken in Aserbaidschan bis in die heutige Zeit fort.
So befindet sich die aserbaidschanische Republik seit ihrer Gründung in einem Kriegszustand mit der Republik Armenien um das Gebiet Berg-Karabach. Armeinsche Streitkräfte halten noch Heute ca. 20 % aserbaidschanischen Territoriums besetzt.
Wie kam es zu diesem Krieg?
In Berg Karabach lebten etwa 120.000 Menschen. 75 % der Bevölkerung Karabachs waren Armenier, 24 % Aserbaidschaner. Geographisch liegt Berg-Karabach mitten in Aserbaidschan und besitzt keinerlei Grenzen zur Republik Armenien. Die in Berg Karabach lebenden Armenier besaßen Autonomie. Die Region Berg Karabach ist seit historischer Zeit Teil Aserbaidschans und doch beansprucht Armenien dieses Gebiet, in dem ca. 90.000 Armenier lebten, für sich. Und damit Berg Karabach dann auch wirklich ein Teil Armeniens werden konnte, wurde von den Armeniern auch einfach sämtliches Aserbaidschanisches Territorium, welches zwischen der Armenischen Staatsgrenze und der Autonomen Provinz Berg-Karabach liegt, mitbeansprucht. Wir reden hier nicht von einem unbedeutenden Grenzstreifen, sondern von 20 % des aserbaidschanischen Staatsgebietes. Einem Gebiet, indem eh und je Aserbaidschaner lebten, einem Gebiet, indem es nie eine wahrnehmbare armenische Bevölkerung gab. Einem Gebiet, indem von armenischen Sondereinheiten tausende Häuser, Schulen, Hospitäler und wirtschaftliche Anlagen zerstört wurden. Einem Gebiet, aus dem unter unvorstellbaren Bedingungen fast 1 Millionen Aserbaidschaner zwangsvertrieben wurden.
Die Besetzung dieses Gebietes wurde von der UNO in 4 Resolutionen (884, 874.853,822) verurteilt. Zur Zeit herrscht ein Waffenstillstand zwischen Armeinern und Aserbaidschanern.
Den schrecklichen Höhepunkt erlangte der Konflikt mit der Tragödie von Chodschali. In der Nacht vom 25. zum 26. Februar rückten armenische Truppen mit Unterstützung von Einheiten des 336. Motorschützenregiments der russischen Armee in die aserbaidschanische Stadt Chodschali ein. In ihrem blinden Haß erschossen sie Frauen, Kinder und Alte aus unmittelbarer Nähe. Ihr Vorgehen war an Unmenschlichkeit und Grausamkeit nicht zu überbieten. Sie skalpierten ihre Kriegsgefangene, stachen den Toten die Augen aus. Bei dieser Beschreibung des armenischen Vorgehens handelt es sich in keiner Weise um eine Übertreibung, um vielleicht die Ungerechtigkeit des armenischen Vorgehens zu verdeutlichen. Diese Grausamkeiten sind wirklich geschehen und in ihrer Brutalität beispielslos. In dieser einen Nacht wurden allein in Chodschali 613 Menschen, darunter 106 Frauen, 83 Kinder und 70 Ältere … ermordet. Eine Großzahl der Frauen und Mädchen wurde vergewaltigt. 1275 friedliche Zivilisten, einschließlich älterer Personen, Kinder und Frauen, wurden gefangen genommen und erlitten schwere Demütigungen und Verletzungen in Gefangenschaft. Von 150 dieser Gefangenen fehlt bis heute jede Spur… Die von den armenischen und russischen Einheiten begangenen Massaker an der aserbaidschanischen Bevölkerung lösten eine Massenflucht aus. Die renommierte internationale Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ nannte diese Tragodie „das größte Massaker im Konflikt“. The Boston Globe, The New York Times, The Sunday Times, The Time, Teuters, BBC, Newsweek, The Washington Post, The Independent und viele andere Internationale Medienorgan sprachen von „ungeheuerlichem Massaker“ an den Aserbaidschanern. (1)
Der Aserbaidschnisch-Armenische Konflikt schwelt weiter und kann jederzeit wieder ausbrechen. Ohne massive Einwirkung internationaler Organisationen und der Großmächte wird dieser Krieg kaum zu einer friedlichen Lösung gelangen.
Doch eins ist unzweifelhaft: ohne Rückgabe der besetzten Gebiete und ohne Rückkehr der Flüchtlingen sind die Voraussetzungen für eine friedliche Lösung nicht gegeben.
Südaserbaidschan
Ich wende mich jetzt Südaserbaidschan zu, und werde insbesondere die sozio-kulturelle Lage der Aserbaidschaner im Iran erläutern.
Südaserbaidschan mit seiner Hauptstadt Tabriz verblieb nach dem angesprochenen persisch-russischen Krieg 1828 im Iran. Die gewaltigen Änderungen des politischen und sozialen Lebens in Nordaserbaidschan durch die russische Besatzung wirkten sich im Südteil kaum aus. Das Leben in Südaserbaidschan nahm, abgesehen von dem gescheiterten Versuch von Scheich Mohammed Khiabani, im April 1920 mit seiner Demokratischen Partei in Aserbaidschan eine demokratische Republik zu gründen, seinen gewohnten Verlauf.
Bis zur Errichtung der Pahlawi-Dynastie im Jahre 1925 war Südaserbaidschan eines der bedeutendsten Zentren wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens im Iran gewesen. Auf Grund seiner geographischen Nähe zu Europa und intensiven Kontakt zu Intellektuellen in der Türkei und Russland besaß Aserbaidschan bei der Verbreitung moderner europäischer Ideen eine herausragende Sonderstellung im Iran. So ging beispielsweise die konstitutionelle Revolution (1906-1911) im Iran von Aserbaidschan aus. Sie richtete sich gegen die willkürliche Herrschaft und errichtete die konstitutionelle Monarchie mit einer modernen Verfassung, die der belgischen Verfassung nachgebildet war.
Innerhalb Irans befand sich Südaserbaidschan in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht in einem normalen Entwicklungsstadium.
Dies sollte sich jedoch mit der Errichtung der Palawi-Dynastie im Jahre 1926 grundlegend ändern. Rezah-Schah , der Begründer dieser Dynastie, konstituierte ein Terrorregime, das parallel zur allgemeinen Unterdrückung der iranischen Bevölkerung das Ziel hatte, ein zentralistisches Regime zu erschaffen und die Kulturen der nicht-persischen Bevölkerungsgruppen zu vernichten. Rezah Schah ging hierbei mit einer geschichtlich gesehen beispielsloser Härte vor. So durften die damals 5 Millionen Aserbaidschaner ihre Muttersprache an offiziellen Stellen nicht mehr sprechen. Die persische Sprache wurde zur offiziellen Staats- und Verwaltungssprache sowie zur einzigen Mediensprache erhoben. Aserbaidschanische Schüler, die von Lehrern bei einer Unterhaltung auf Aserbaidschanisch beobachtet wurden, mussten eine Geldstrafe zahlen oder sie wurden mit dem Schlagstock misshandelt.
Um die Stimmung, die damals im Iran gegen die Aserbaidschaner künstlich erzeugt wurde zu vergegenwärtigen, braucht man sich nur die folgenden Zitate anzuhören.
Im Zusammenhang mit dem Verbot des aserbaidschanischen Türkisch äußerte sich der von der Teheraner Zentralregierung ernannte Kulturverantwortliche Mohseni wie folgt: „Wer sich auf Türkisch unterhält, der muß mit einer Leine um den Hals in den Kuhstall gebracht werden.“ (2)
Der damalige Gouverneur von Aserbaidschan Abdollah Moustofi fällte folgendes Urteil über die Aserbaidschaner: „ Die Aserbaidschaner sind Türken. Für die Errichtung der konstitutionellen Bewegung haben sie Gras gefressen.( gemeint sind die Hungersnöte während dieser Zeit) Jetzt fressen sie ab und zu immer noch Gras und so dienen sie dem Iran.“ (3)
Die Beherrschung der Persischen Sprache war von nun an Grundvoraussetzung zum sozialen Aufstieg. Wer kein persisch sprach, und das waren nicht wenige, hatte keine Chance eine Stelle an staatlichen Institutionen zu bekommen. Massenmedien auf Aserbaidschanisch wurden verboten. Es begann eine von der Teheraner Zentral-Regierung gesteuerte Propaganda gegen aserbaidschanische Bevölkerungsteile. Selbst Aserbaidschaner, die des Persisch mächtig waren, wurden in aller Öffentlichkeit wegen ihrer Aussprache als „halbzivilisiert“ stigmatisiert.
Die Hetze gegen die aserbaidschanische Kultur und Sprache ging soweit, dass sich einige besonders eifrige „Wissenschaftler“ dazu errufen fühlten, für die Ausrottung der Aserbaidschanischen Sprache und Kultur besonders wirksame Konzepte zu entwickeln. Ein besonders verwerfliches Konzept, des „Wissenschaftlers“ Dr. Mahjar Nawabi sah beispielsweise vor, aserbaidschanische Kinder von ihren Eltern zu trennen und in rein persischsprachigen Regionen in Pflegefamilien zu geben, um so jeglichen Kontakt zur aserbaidschanischen Sprache zu verhindern. Ziel des Schah-Regimes war es offensichtlich, die uralte Kultur eines gesamten Landes komplett auszurotten.
Parallel zur kulturell-sprachlichen Unterdrückung begann die sozi-ökonomische Vernachlässigung Aserbaidschans. Investitionen in Aserbaidschan blieben fast völlig aus. Ziel war es offensichtlich, die aserbaidschanischen Bourgeoise und Basaris zur Auswanderung in persische Städte zu zwingen. Doch bevor dieses Vorhaben vollständig verwirklicht werden konnte, musste Rezah Schah im September 1941 auf Druck der alliierten Mächte, die Iran in der Zeit des 2. Weltkrieges besetzt hatten, abdanken. Der Grund: Rezah Schah hat auf freundlicher Basis mit den nationalsozialistischen Deutschland und Hitler kooperiert.
Nach der Besetzung Irans durch die Alliierten und der Abdankung Rezah Schahs zugunsten seines Sohnes Mohammed Rezah Schah begann im Iran eine kurz währende Periode der politischen Freiheit. In Südaserbaidschan wurde das Benutzungsverbot der aserbaidschanischen Sprache in der Öffentlichkeit aufgehoben und es erschienen wieder Medien in Aserbaidschanisch. Die Unterdrückung der Aserbaidschaner zur Zeit Rezah Schahs führte zu einer starken national-freiheitlichen Strömung in Südaserbaid-schan. 1945 rief der Vorsitzende der neu gegründeten „Demok-ratischen Partei Aserbaidschans“ , Seyed Djafar Pishawari, die nationale Regierung Aserbaidschans im Iran aus. Vorrangiges Ziel der neuen Regierung war vor allem die regionale Autonomie Aserbaidschans im Iran, sowie die Befreiung von der einseitig-persischen Kultur- und Wirtschaftspolitik.
In der Grundsatzerklärung der Demokratischen Partei Aserbaidschans werden die Standpunkte zum Ausdruck gebracht, dort heißt es:“ Auf Aserbaidschanischen Boden leben 5 Millionen (heute 20 Mill.) Menschen, die sich zu ihrer eigenen Identität bekennen. Sie haben für sich ihre eigene Sprache, andere Gepflogenheiten und Traditionen. Dieses Volk sagt, wir wollen die iranische Souveränität und Integrität bewahren, aber bei der Verwaltung unserer eigenen Angelegenheiten frei vorgehen.“ (4) Die aserbaidschanische Sprache wurde nun wieder als offizielle Sprache in Aserbaidschan verwendet. Die Kinder, die in der ihnen fremden persischen Sprache unterrichtet wurden, lernten nun wieder in ihrer Muttersprache. Zum erstenmal in der Geschichte Irans wurde die geschlechtliche Gleichberechtigung offiziell zum Prinzip erhoben. Als die Alliierten den Iran im Mai 1946 verließen, wurde zwischen Aserbaidschan und der Teheraner Zentralregierung ein 10-Punkte Abkommen geschlossen – demnach blieb Aserbaidschan unter Gewährung von Autonomie ein Teil des Irans und Aserbaidschanisch wurde als offizielle Sprache beibehalten. Die Teheraner Regierung hielt sich jedoch nicht lange an diesen staatsrechtlich verbindlichen Vertrag. Bereits im November 1946, also 6 Monate später, marschierten Militäreinheiten der iranischen Zentralregierung in Aserbaidschan ein und töteten zehntausende von Aserbaidschanern und plünderten das Land. Nachdem die kaiserliche Armee die linksgerichtete nationale Regierung Aserbaidschans schließlich stürzte, wurden die Repressalien gegen die Aserbaidschaner wieder erheblich intensiviert. Besonderen Augenmerk, gerade hier in Deutschland, verdient die Tatsache, dass kurz nach dem Sturz in großem Umfang öffentliche Bücherverbrennungen aserbaidschanischer Literatur stattfanden, alles Aserbaidschanische wurde entweder dämonisiert oder verächtlich gemacht. Gleichzeitig mit dem neuerlichen Verbot der aserbaidschanischen Kultur und Sprache in öffentlichen Institutionen begann die Periode der Assimilation und des Wirtschaftskrieges gegen das Land.
Mitte der sechziger Jahre und Anfang der siebziger Jahre war die antiaserbaidschanische Stimmung im Iran dermaß akut, dass bereits der Besitz eines in Aserbaidschanisch geschriebenen Buches oder der Besitz von aserbaidschanischer Musik auf Kassette als Beweis für separatistische Absichten galt. Für Millionen Aserbaidschanischer Bürger im Iran wurde kein einziges Radio- oder Fernsehprogramm geboten. Die systematische Diskriminierung der Aserbaidschaner ging soweit, dass viele ihre eigene Nationalität anfingen zu leugnen.
Aserbaidschan, das vor der Pahlawi-Dynastie aufgrund seiner geo-politischen Lage zu den wichtigsten Industrie- und Handelszentren gezählt hatte, verwandelte sich nun in eine der unterentwickeltsten Provinzen im Iran.
Die Anzahl der Industrieanlagen und der Neuinvestitionen war im Vergleich zu anderen bevölkerungsmäßig gleichstark-persischen Provinzen drastisch geringer. Die unzumutbaren Umstände veranlassten die Landbevölkerung massenweise zur Flucht in die persischen Großstädte. Intellektuelle, Basaris, also große Teile der Mittelschicht, flohen scharenweise aus Südaserbaidschan. Parallel zur Bevölkerungsflucht kam es zu einer großen Kapitalflucht. Milliarden von Rial flossen mit den aserbaidschanischen Auswanderern in die persischen Städte.
Die systematische Benachteiligung und Verwüstung des aserbaidschanischen Wirtschafts- und Kultursektors hat sich nach der islamischen Revolution im Jahre 1979 nicht etwa verbessert, sondern verschlechtert. Die kulturellen und sprachlichen Beschränkungen der Pahlawi-Dynastie wurden aufrechterhalten.
Der persische Assimilationsprozeß schreitet voran, in wenigen Jahrzehnten wird ein Volk, mit über 30 Millionen Einwohnern wahrscheinlich verschwunden sein. Ein schleichender Kulturmord von undenkbarem Ausmaß und mit undenkbarem Ausgang.
Doch wozu diesen ganzen Aufwand, was ist der Zweck dieser offensichtlichen Benachteiligung Aserbaidschans. Weshalb wurden Zig-Millionen Aserbaidschanern ihre Sprache und Kultur faktisch verboten. Wieso soll die Identität eines ganzen Volkes ausgelöscht werden. Hierzu sollte man wissen, dass die ethnische Benachteiligung der Aserbaidschaner und natürlich anderer Volksgruppen im Iran ihren Ursprung, wie gesagt in der Pahlawi-Dynastie hat. Rezah Schah war ein ideologischer Anhänger Hitlers und der Idee des arischen Übermenschen. Für Rezah Schah waren die Perser, wie für Hitler die Deutschen die Herrenrasse. Die Kultur der anderen nicht-persischen Völker Irans galten für ihn als minderwertig und gehörten somit ausgerottet. Diese Meinung wird noch heute von vielen sogenannten persischen „Intellektuellen“ und staatlichen Würdenträgern offen propagiert.
Die Propagandisten der Assimilationspolitik versuchen ihre Vorgehensweise gegenüber den Aserbaidschanern jedoch damit zu begründen, daß „Im Falle der Zulassung von mehreren Sprachen im Iran die nationale Einheit Irans geschwächt würde“. (5)
Doch ignorieren diese Leute, dass die Aserbaidschaner und Perser seit vielen Jahrhunderten im Iran zusammenleben und dass eine Vielfalt von Kultur nicht Rückschritt sondern Fortschritt bedeuten kann.
Wie kann die gegenwärtige Situation der Aserbaidschaner im Iran als Momentaufnahme beschrieben werden:
Aserbaidschan ist ein seit 1828 geteiltes Land.
Wir haben im Iran über 30 Millionen Aserbaidschaner, die zusätzlich zur allgemeinen politischen Unterdrückung einer kulturell-wirtschaftlichen Unterdrückung unterliegen. Über 30 Millionen Azeris, die keine Möglichkeit haben in öffentlichen Schulen ihren Kindern die Muttersprache beizubringen, die keine wirkliche Möglichkeit haben eine Zeitung in ihrer Sprache zu lesen oder einen Film in ihrer Sprache zu sehen. Zwar sieht Art. 15 der iranischen Verfassung vor, dass die verschiedenen Volksgruppen im Iran das Recht auf muttersprachliche Schulen haben. Doch liegt hier der wohl krasseste Widerspruch von Verfassungsanspruch und Verfassungswirklichkeit im Iran. Wir haben im Iran ein 30 Millionen Volk, das ständiger propagandistischer Hetze seitens chauvinistischer persischer Kreise ausgesetzt ist, und das am Rande des Abgrundes steht.
Es stellt sich daher die Frage, wie sich das durch Rezah Schah künstlich geschaffene Nationalitätenproblem im Iran lösen lässt. Entsteht im Iran vielleicht ein zweites Jugoslawien? Können die verschiedenen Völker im Iran gleichberechtigt und in gegenseitiger Achtung miteinander leben und wird die hauptsächlich aus Persern bestehende politische Elite im Teheran bereit sein, die nationalen und kulturellen Rechte der anderen Völker im Iran anzuerkennen. Wird diese Elite bereit sein, bedingt durch die Partizipation anderer Volksgruppen an der Regierung, auf einen Teil ihrer Macht zu verzichten.
Hinsichtlich dieser Fragen existieren bei den oppositionellen persischen Gruppen drei Meinungsrichtungen.
So vertritt eine vorwiegend von konservativen Kreisen vertretene Gruppe die Ansicht, dass im Iran überhaupt keine verschiedenen Kulturen und Völker existieren. Eine Anerkennung der „nicht-existenten“ Völker Irans und die Gewährung von Minderheitenrechte würden zwangsläufig zu einer Gefährdung der territorialen Integrität Irans führen. Folglich muß jeder Versuch, die Rechte eines „nicht-existenten“ Volkes einzufordern, mit Gewalt beendet werden.
Eine zweite Meinungsströmung vertritt die Ansicht, man dürfe die ethnisch vielfältige Zusammensetzung Irans zwar nicht offiziell anerkennen, jedoch sollten den verschiedenen Provinzen im Iran das Recht der regionalen Selbstverwaltung unter der Kontrolle Teherans eingeräumt werden.
Die Anhänger einer dritten von Persern vertretenen Ansicht befürworten die Anerkennung der Existenz verschiedener Völker im Iran und das Prinzip der Selbstbestimmung für diese Völker. Sie sprechen sich sogar für das Recht auf die Gründung eines eigenen souveränen Staates aus. Nach Meinung dieser Gruppe kann keine Nation mit Hilfe von Gewalt zum Verbleib im Iran gezwungen werden. Bei einem freiwilligen Verbleib im Iran solle ein föderatives System entstehen. Denn ohne Einführung eines dezentralistischen Systems könne im Iran von Demokratie keine Rede sein.
Hinsichtlich der Problemlösung der aserbaidschanischen Frage im Iran werden von aserbaidschanischen Intellektuellen hauptsächlich zwei Meinungen vertreten.
Für einen Teil der Intellektuellen ist Iran ein „Gefängnis der Völker“. Die politische Führung im Iran besitze auf Grund fehlender demokratischer Tradition im Iran und auf Grund der Machtgier nicht die Fähigkeit, einen Schritt in die Richtung Demokratie zu gehen. Folglich seien die Unterdrückung der demokratischen Rechte und die Assimilationspolitik gegenüber anderen ethnischen Gruppierungen im Iran eine logische Vorgehensweise der politischen Eliten im Iran. Der einzige Weg aus diesem Zustand sei die endgültige Abtrennung Südaserbaidschans vom Iran. Die Anhänger dieser Meinung treten zudem für die Wiedervereinigung Südaserbaidschans mit Nordaserbaidschan ein.
Ein anderer Teil der Intellektuellen sieht die Zukunft Südaserbaidschans zwar im Iran, jedoch ausschließlich unter der Bedingung der Gewährung von autonomer Selbstverwaltung im Rahmen eines demokratisch-föderativen Staatssystems im Iran. Zur Begründung wird angeführt, dass die Aserbaidschaner schon seit Jahrhunderten mit den anderen Völkern Irans zusammenleben. Darüberhinaus lebten über 10 Millionen Aserbaidschaner in Teheran und anderen persischen Städten, die von einer Loslösung vom Iran nicht profitieren würden. Ein föderativer iranischer Staat müsse als Grundlage den freiwilligen Zusammenschluss aller im Iran lebenden Völker haben. Da die Aserbaidschaner mit einer Bevölkerung von ca. 30 Millionen mindestens gleichstark wie die Perser im Iran vertreten sind, müsse ihnen regionale Selbstverwaltung eingeräumt werden und in Fragen der Aussen- und Innenpolitik Irans ein gleichberechtigtes Mitspracherecht eingeräumt bekommen. Außerdem muß die Aserbaidschanische Sprache auch als offizielle Sprache Irans proklamiert werden.
Welcher dieser eben genannten Ansichten nun der als vernünftigste der Vorzug zu geben ist, vermag ich, wegen der Komplexität der mögliche Entwicklungsszenarien, nicht zu sagen.
Eins jedoch steht fest, es ist für das 21.Jhdt unvorstellbar, dass ein 30 Millionenvolk fast vollständig seiner Identität beraubt wird. Das Recht, dass die eigenen Kindern ihre Muttersprache in der Schule lernen, das Recht, dass man Zeitungen in seiner Muttersprache veröffentlichen darf, das Recht, für seine Herkunft nicht verächtlich gemacht zu werden sind unveräußerliche Menschenrechte. Die Aserbaidschaner sind ein uralte Kulturnation. Seit nun 70 Jahren werden sie zunehmend ihrer nationalen- und kulturellen Rechte beraubt. Sollten den Millionen Aserbaidschanern diese Rechte nicht gewährt werden, so sieht der Iran und die Region einer ungeahnt konfliktreichen Zukunft entgegen, denn der Widerstand unter aserbaidschanischen Intellektuellen und Studenten gegen den Assimilationsprozeß wird jeden Tag stärker. Es ist meines Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis dieser hauptsächlich von Intellektuellen getragene Widerstand zu einer breiteren Massenbewegung wird.
Zum Abschluss möchte ich noch eins sagen: es liegt auch in den Händen deutscher Politiker, positive Veränderungen zu bewirken. Gerade in Deutschland hat man meines Erachtens historisch bedingt eine besondere Verantwortung, wenn man diplomatisch mit Staaten zusammenarbeitet, die ethnisch Andersartige derart massiv unterdrücken. Die deutsche Politik muss endlich vom kritischen Schweigen gegenüber dem Iran zum angekündigten kritischen Dialog übergehen, auch wenn das für einige Diplomaten unangenehm sein mag.
Wir müssen uns hier in Deutschland bewusst machen, dass im Iran ein kultureller Völkermord stattfindet.
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