Konferenz der Ethnien und ethnischen Minderheiten Im Iran am 5. August 2006 im Berliner Abgeordnetenhaus

Januar 12, 2013 11:53 am

 

Konferenz der Ethnien und ethnischen Minderheiten Im Iran am 5. August 2006 im Berliner Abgeordnetenhaus

Vortrag für Konferenz der Völker im Iran

Meine Damen und Herren, liebe Freunde

Ich freue mich, daß die Vertreter der politischen Organisationen der Ethnien aus dem Iran sowie Oppositionelle hier so zahlreich erschienen sind. Wir haben hier Vertreter der Aserbaidschaner, Kurden, Araber, Turkmenen, Belutschen und Perser. Jeder weiß, daß im Iran die elementarsten Menschenrechte verletzt werden. Es gibt im Iran keine Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Kritische Journalisten, Gewerkschafter und Menschenrechtsverteidiger werden vom Regime der islamische Republik Iran verfolgt, inhaftiert und gefoltert. Frauen werden vom Gesetz und in der Gesellschaft massiv diskriminiert.
Bei der Bewertung des Iran ist es aber ein gravierender Fehler, nur, diese politische Unterdrückung der Gesamtbevölkerung als Faktor für die Prognose eines künftigen Irans zu berücksichtigen. Es gibt einen weiteren Faktor, der für die künftige Entwicklung des Irans eine viel entscheidender Bedeutung haben kann. Es ist der Faktor der ethnischen Minderheiten im Iran.

Ich selbst bin Aserbaidschaner aus dem Iran, mein Name ist Ahmad Omid-Yazdani und ich bin Vorsitzender des Aserbaidschanisch-Deutscher Akademiker Vereins. Ich leite die Veranstaltung.

In Diskussionen mit Journalisten, Politikern und am Thema Interessierten habe ich festgestellt, daß die ethnische Zusammensetzung des Irans den meisten völlig unbekannt ist. Wird über den Iran und die Iraner gesprochen, so denkt man hier an eine ethnisch homogene von Persern bewohnte Nation. Die Realität ist aber eine völlig andere.

Die Bevölkerung des Irans besteht aus einer Vielzahl von Ethnien. Aserbaidschaner, Kurden, Araber, Perser, Belutschen, Turkmenen, Khorasan Turken, Gashgais und Loren. Der Iran ist also ein multiethnisches Land.

Die offiziellen Angaben des Irans über die ethnische Zusammensetzung sind mit großer Vorsicht zu genießen. Nach offiziellen Angaben beträgt der Anteil der persischen Ethnie 51% der Gesamtbevölkerung, sie dürfte jedoch in der Tat deutlich darunter liegen. Der prozentuale Anteil der Ethnien läßt sich nur ungefähr erahnen, da es keine verläßlichen Zahlen hierüber gibt. Bei der aserbaidschanischen Ethnie schwanken die Angaben zwischen 25 und 30 Millionen …also einem Bevölkerungsanteil zwischen 35 und 40 %.

Wie ist nun die Situation der Ethnien im Iran? Diese Frage kann nicht einheitlich beantwortet werden. Eins lässt sich jedoch sagen: die nichtpersischen Ethnien erdulden neben der allgemeinen politischen Unterdrückung im Iran eine zusätzliche Unterdrückung Ihrer Kultur und Sprache. Die Unterdrückung der Ethnien im Iran steht im engen Zusammenhang mit dem persischen Nationalismus, der im Iran in der Pahlawi-Dynastie 1925 unter Rezah Schah hoffähig gemacht wurde. Dieser Nationalismus weist Ähnlichkeiten mit dem deutschen Nationalismus unter Hitler auf. Die Ideologie der Arischen Herrenrasse, die über den anderen Rassen steht, war und ist auch ein bestimmendes Element des persischen Nationalismus. Denn ein Teil der persischen Bildungsschicht betont immer wieder in Literatur und Medien die angebliche Überlegenheit der Perser aufgrund ihrer „arischen“ Herkunft.

Meine Damen und Herren, bezüglich der Situation der verschiedenen Ethnien im Iran werden die einzelnen hier anwesenden Vertreter noch ausführlich berichten. Da ich selbst Aserbaidschaner bin, werde ich mich im folgenden schwerpunktmäßig mit der Lage der Aserbaidschaner im Iran befassen.
Unter Rezah Schah und seinem Sohn wurde die aserbaidschanische Sprache als öffentliche Sprache verboten, im Jahr 1945 gab es dann die ersten Bücherverbrennungen aserbaidschanischer Literatur. Umfassende Assimilierungsprogramme wurden entworfen und angewandt. Die kulturell-ethnische Unterdrückung der Aserbaidschaner aber auch der anderen Ethnien dauert unter dem Motto: “EIN LAND, EINE NATION, EINE SPRACHE“ bis heute an.

Die Assimilationspolitik der Zentralregierung basiert vor allem auf 4 Methoden:

1. Verbot des muttersprachlichen Schulsystems sowie massive Behinderung von muttersprachlichen Medien. Hierzu muß ich ausführen: Es gibt zwar ein ca. 1- 2-stündiges Fernsehprogramm, in dem aserbaidschanische Wörter benutzt werden, aber diese bewußt in einer völlig grammatikalisch falschen Weise und gemischt mit persischen Wörtern. Eine gezielte Deformation der Sprache.

2. Vernachlässigung der ökonomischen Entwicklung der aserbaidschanischen Gebiete.

3. Anwendung subtiler psychologischer Methoden zur Aufgabe der ethnischen Identität der Aserbaidschaner.

4. Umbenennung historischer Stätten, Orte, Dörfer und Inseln der Aserbaidschaner ins Persische.

Die Methode der Assimilierung der Aserbaidschaner hat bereits gewaltige Wirkung auf die aserbaidschanische Bevölkerung des Irans, so gibt es vor allem in öffentlichen Ämtern und in der Politik Aserbaidschaner, die Ihre Herkunft und Sprache völlig negieren und leugnen.

Meine Damen und Herrn
Im Iran leben ca. 25 Millionen Aserbaidschaner, die über keine muttersprachliche Schule verfügen. 99 % der im Iran lebende Aserbaidschaner sind in ihrer eigenen Muttersprache Analphabeten. Selbstverständlichkeiten wie muttersprachliche Filme, Fernsehen und Theater sind für die Aserbaidschaner im Iran unvorstellbar. Die Eltern dürfen ihren eigenen Kindern keinen aserbaidschanischen Namen geben.

Die Hauptstadt des Iran, Teheran hat 12 Millionen Einwohner. Laut der offiziellen Statistik, sind über die Hälfte der Bevölkerung in Teheran Aserbaidschaner, die aufgrund der wirtschaftlichen Vernachlässigung ihrer Städte gezwungen waren, nach Teheran und andere persische Städte überzusiedeln. Für diese Millionen von Menschen gibt es kein Radio oder Fernsehprogramm in ihrer eigener Sprache.

Am 12. Mai 2006 wurden in der staatlichen Zeitung „Iran“, die als offizielles Medienorgan der islamischen Republik Iran gilt, die im Iran lebenden Aserbaidschaner als „Kakerlaken“ bezeichnet, die ausgehungert werden sollten. Die Bezeichnung der Aserbaidschaner im Iran als Ungeziefer führte zu massenhaften friedlichen Protesten und Demonstrationen in verschiedenen Städten der iranischen Provinz Aserbaidschan. In den Städten Tabriz, Urumiye, Ardabil, Zandjan, Maraghe, Khoy, Marand, Maku usw. demonstrierten täglich Hunderttausende Aserbaidschaner gegen die menschenverachtende Stigmatisierung durch den persischen Rassismus. Die Demonstranten verlangten ein Ende der Unterdrückung ihrer Kultur und Sprache sowie das Recht auf muttersprachliche Schulen für ihre Kinder und Massenmedien in ihrer Sprache. Sie verlangten Anerkennung des kulturellen Selbstbestimmungsrechts für ihr Volk und ein Ende der wirtschaftlichen Vernachlässigung Aserbaidschans. Das iranische Regime versuchte gewaltsam mit polizeilichen und militärischen Mitteln die demokratischen Forderungen der Aserbaidschaner im Keime zu ersticken. Tausende friedlicher Demonstranten wurden festgenommen, eine Vielzahl von Demonstranten wurde durch die Schüsse der iranischen Einsatzkräfte getötet und viele Menschen verletzt. Ca. 40 namhafte aserbaidschanische Schriftsteller, Künstler, Kulturschaffende und Intellektuelle, die an den Protesten beteiligt waren sitzen noch heute im Gefängnis und befinden sich derzeit im Hungerstreik.

Meine Damen und Herren,
Heute haben sich die Vertreter verschiedener politische Organisationen der Ethnien im Iran gesammelt um die Situation ihrer Ethnien zu schildern und ihre Vorstellungen von einem Ausweg aus dem Dilemma zu thematisieren.

Im Namen unseres Vereins möchte ich meinen Dank an alle Teilnehmer der Konferenz und an das Abgeordnetenhaus Berlin richten, das es ermöglicht hat, diese Konferenz hier zu veranstalten. Mein Dank geht auch an Menschenrechtsorganisationen, Vertreter der verschiedenen politischen Parteien und alle Demokraten, die unseren demokratischen Kampf gegen politisch-nationale Unterdrückung und Rassismus im Iran unterstützen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!